Mischverkehr FussgängerInnen und Velo – die Kultur der Koexistenz stärken

Die VCS Regionalgruppe Bern hat Ende 2017 mit verschiedenen Akteuren die Herausforderungen im Mischverkehr von FussgängerInnen und VelofahrerInnen diskutiert. Unterschiedliche Geschwindigkeiten, eine intensive Nutzung bei engen Verhältnissen und verschiedene Ansprüche an den Strassenraum sind Ursachen für Konflikte zwischen Fussgänger- und Velofahrerinnen. Konkrete Beispiele verdeutlichen, dass die Situationen immer situativ zu betrachten sind und sich VerkehrsteilnehmerInnen nicht immer korrekt verhalten.

Drei Themenfelder resp. Schwerpunkte wurden dabei intensiv diskutiert:

  • Koexistenz - Information und Kommunikation: Koexistenz muss gelebt und entsprechend gefördert werden. Das gegenseitige Verständnis der verschiedenen Verkehrsteilnehmenden füreinander ist die Grundlage für eine erfolgreiche Koexistenz. Information und Kampagnen tragen zur Sensibilisierung bei. 
    Den unterschiedlichen Ansprüchen ist Best möglichst einen eigenen Raum zu bieten (wie Aufenthaltsbereiche für FussgängerInnen oder separate Spuren für eine schnelle Fortbewegung, ev. auch nur tageszeitabhängig bei starkem Verkehrsaufkommen). In sehr heiklen Situationen sind die gefährdeten Teilnehmer zu schützen (i.d.R. FussgängerInnen).

  • Bauliche Massnahmen sind ortsspezifisch zu gestalten und auf die Nutzung abzustimmen. 
    Die Signalisation ist gezielt an neuralgischen Stellen einzusetzen (wie z.B. für Velofahrer fühlbare (Boden-)Markierungen eingangs von Mischve-rkehrszonen). Keine oder wenig Regeln sind häufig zielführender als aufwändige Massnahmen. Ortsspezifische Lösungen sind in einem Test zu prüfen und können anschliessend in einem «trial & error»-Verfahren optimiert werden.

  • Unsensible Teilnehmer und E-Bike: Das Verständnis für das eigene teilweise nicht situative Verhalten ist bei E-BikerInnen mit gezielter Information und Massnahmen zu fördern. 
    Die aktuellen Verkehrsregeln sind zu überprüfen (wie z.B. die Benutzungspflicht von Radwegen für schnelle E-Bikes), denn die E-BikerInnen sind häufig ebenso schnell unterwegs wie Autos. Die Sensibilisierung für rücksichtsvolles Verhalten ist an neuralgischen Stellen und vor Ort zu verstärken (Videoaufnahmen oder Tempomessungen mit sofortigem Feedback und Information vor Ort durch die Polizei). Ebenso könnten die Verkäufer von E-Bikes auf die Gefährdung und Bedürfnisse der FussgängerInnen hinweisen.

 

Wichtige Erkenntnisse konnten in der Diskussion gewonnen werden. Wenn möglich sind die Verkehrsteilnehmer zu trennen. Andernfalls ist eine Koexistenz möglichst verbunden mit einer Flanierkultur anzustreben. Gegenseitige Rücksichtnahme ist die Grundvoraussetzung und alle VerkehrsteilnehmerInnen müssen sich in die spezifische Situation der Anderen hineinversetzen können. Eine ortsspezifische und erlebnisreiche Gestaltung der Verkehrsräume ist anzustreben. National einheitliche Regeln und technische Massnahmen und Gestaltungsgrundsätze sind zu definieren (z.B. einheitliche Signalisation in Mischverkehrszonen). E-Bikes nehmen anteilsmässig stark zu und den FahrerInnen ist häufig die hohe Geschwindigkeit mit den entsprechenden Gefahren nicht bewusst. E-Bike-FahrerInnen und forsche VelofahrerInnen müssen als Zielgruppe gezielt geschult und sensibilisiert werden. 

Folgende Beispiele verdeutlichen den erarbeiteten breiten Fächer von neuartigen und kreativen Massnahmen. Zu prüfen ist eine neue Kategorisierung nach Geschwindigkeit und Verkehrsabsicht statt nach Fahrzeugtyp und VerkehrsteilnehmerInnen: Kategorien müssen aufgelöst und neu gemischt werden (z.B. schnelle Velos und E-Bikes, flanierende FussgängerInnen und VelofahrerInnen). Rücksichtsvolle schnelle E-BikefahrerInnen sollten sich entsprechend bekennen und «outen» können indem sie eine VCS-Weste «ich fahre fair» tragen. Aktionstage und Sensibilisierungskampagnen sollen nutzer- und generationenübergreifend in konkreten Verkehrssituationen durchgeführt werden und die Betroffen sollen konkret angesprochen werden. Subtile Aktivitäten und Massnahmen haben eine anhaltende und besonders gute Wirkung wie z.B. ein roter Teppich vor einem Ladeneingang auf einer Veloroute. Die VCS Regionalgruppe Bern wird das Thema weiterverfolgen, die erarbeiteten Massnahmen prüfen und mit den Akteuren in Kontakt bleiben. 

 

Martin Perrez, Vorstand VCS Regionalgruppe Bern